Geschichtlicher Hintergrund des

Die Schlacht in Kripp am Julianentag

im Burgundischen Krieg 1475

(16. Februar 1475)

 

oder das Bollwerk am Kripper Rheinufer

 

© weis/funk 2011

 

Die Schlacht am Julianentage 1475

Auch wenn unser Ort Kripp noch nicht existierte, so hatte sein damals mit „iuxta Lyntze“ namentlich erwähntes Areal bereits im Burgundischen Krieg 1475 eine recht streitbare Vorgeschichte, denn unser Gebiet lag damals im Zentrum militärischer Ereignisse im Streit um den Kölner Erzbischofstuhl.
Der Nachweis dieser lateinischen Lagebezeichnung für ein Areal in der südlichsten Gemarkung Remagens im heutigen Kripper Gebiet ergibt sich aus einem Pachtvertrag des Kloster Dünwald im 13. Jahrhundert und dürfte somit die erste urkundliche Namensbezeichnung von Kripp darstellen. „Iuxta Lyntze“ bedeutet sinngemäß - nahe an/ bei /dicht neben Linz gelegen -. 1)

Zu berichten ist über eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Truppen Karls des Kühnen und denen des Deutschen Kaisers Friedrich III. am 16. Februar 1475, dem mittelalterlichen Kirchenbuch zufolge am Julianentag, einem Donnerstag nach dem Sonntag Invocavit, in der Woche nach Aschermittwoch. Als militärisches "Husarenstück" schlug dieses Gefecht weit über unseren Bereich hinaus Wellen und sorgte für höfische Schlagzeilen.
Dieses historische Drama am Julianentag 1475 markiert die nachweisbare gewaltigste Schlacht in der Territorialgeschichte …………….

In der Tat ein kaum zu bewältigendes militärisches Vorhaben, da Linz mit einem engen Belagerungsring durch Truppen des Landgrafen von Hessen sowie Truppenkontingenten der Reichstreuen von den Reichsstädten Frankfurt, Augsburg, Ulm und Straßburg umzogen war, die unter dem Oberbefehl des Kurfürsten und Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg standen. Auf der gegenüberliegenden Rheinseite befanden sich zwischen den heutigen zwei Fähranlegerrampen von Kripp…….

Die Komplette geschichtliche Gegebenheit, geschrieben von Herrn Willy Weis, und Frau Hildegard Funk, ist nachzulesen unter:

 

Die Schlacht in Kripp am Julianentag im Burgundischen Krieg 1475 oder das Bollwerk am Kripper Rheinufer

 

http://www.geschichte-kripp.de/162.html

Pfettisheim, Conradus:
Geschichte Peter Hagenbachs und der Burgunderkriege. Inkunabel 265 der F. F. Hofbibliothek Donaueschingen. Faksimile. Mit Kommentar und Beiträgen von Lilli Fischel und Rolf Müller. 2 Bände.

1966

 

Faksimile:

und hier eine Zusammenstellung einiger Textpassagen im 

Wierstraetbericht,

welche das Ulmer Aufgebot betreffen....

 

Die heftigen Kämpfe am Rheintor waren eben abgeklungen, als sich an ebendiesem Sonntag, es war der 9. April, eine ,,groysse zweydracht" erhob: an die 600 Leute rotteten sich bewaffnet zusammen, lärmten, schimpften und tobten, einer war gegen den andern, schreibt Wierstraet, aber wer gegen wen war und weshalb sie auf dem Markt zusammengelaufen waren und sich gegenseitig mit Hauen und Stechen und Totschießen bedrohten, erfahren wir von ihm nicht, obwohl er doch sicher Augenzeuge des Auflaufs war. Es ist aber ohne weiteres anzunehmen, daß sich da zwei Gruppen gegenüberstanden, von denen die eine, wohl die Ritter und Bürger, trotz aller trüben Aussichten und der bedrückenden Zustände in der Stadt zum Ausharren bereit war, und die andere, wohl die der Söldner, auf Verhandlungen oder Übergabe drängte, weil sie nach den schweren und verlustreichen Kämpfen der letzten Tage, um es im Landser-Jargon zu sagen, die Schnauze restlos voll hatte und alle weiteren Anstrengungen und Opfer für unnütz hielt. Es wäre natürlich auch denkbar, daß ebenso gut Bürger sich auf die Seite der Söldner geschlagen hätten, oder Kölner mit Hessen aneinandergeraten waren. Die höchst mangelhafte Versorgung mit allem Notwendigen mag dazu beigetragen haben, daß sich der Unmut nun mit einem Schlag entlud, vielleicht auch war denen in der Stadt, und sei es nur gerüchteweise, zu Ohren gekommen, welch miserable Stimmung im Kölner Lager auf den Steinen herrschte und welchen Ärger die dort stationierten Streitkräfte - im doppelten Sinne, weil manche sich untereinander nicht grün waren - ihren Führern bereiteten, denen viele einfach ohne Urlaub entliefen. Der Stadtkommandant, Hermann von Hessen, befürchtete eine Katastrophe: Er ,,ran darunder", rannte, schreibt Wierstrait, das heißt, der Landgraf begab sich eilends unter die streitende Menge, um sie zu beschwichtigen, und die beiden Neusser Bürgermeister standen ihm bei, aber während man die beiden ungeschoren ließ, fielen die Meuterer über den Stadtkommandanten mit lästerlichen Redensarten, Beschimpfungen und Schmähworten her, sie scheinen in ihm die Seele des Widerstandes und den Verantwortlichen dafür gesehen zu haben, daß die Stadt nicht an Übergabe dachte und ihnen immer neue Opfer und Entbehrungen abgefordert wurden.
Hermann von Hessen nahm kaltblütig seine Zuflucht zu einer List: Er ließ die Wächter auf dem Münsterturm die Sturmglocke schlagen und er hatte sich nicht getäuscht: die Streitenden ließen voneinander ab, ja, sie rannten auf die Mauern, die Abwehr eines nach Rache dürstenden Feindes und dessen, was ihnen von dieser Seite aus drohte, war ihnen lebenswichtiger. Fürs erste war man zur Besinnung gekommen, aber wir wissen aus einem Brief des Landgrafen, daß es nicht der einzige und der letzte ,,upleuf" war. Nicht minder unangenehm war die Lage des Kölnischen Heeres auf der gegenüberliegenden Rheinseite, wo man mit Bangen der Stunde entgegensah, da die Burgunder ernstlich gegen die ihnen zwar noch nicht gefährliche, aber lästige Nachbarschaft auf den Steinen vorging. Einmal schon hatten die Kölner sich ein Schiff vom Anker weg entführen lassen, weil eine Geschützbedienung gerade beim Essen saß. Andere meuterten, weil Kameraden sich wieder ohne Urlaub hinwegbegeben hatten, sich in Köln einen schönen Tag machten und ihren Sold in den Badstuben verjubelten, in denen bekanntlich nicht nur Zuber heißen Wassers zum Einseifen und Schrubben für Männlein und Weiblein bereitgehalten, sondern auch andere vergnügliche Gelegenheiten geboten wurden. Der Proviant genügte nicht dem Bedarf, den Kölner Stadtvätern mögen wohl auch die Ansprüche ihrer Vaterlandsverteidiger zu hoch geschraubt gewesen sein, jedenfalls holten sich ihre Söldner das nach ihrer Meinung Notwendige mit Gewalt aus den umliegenden Dörfern. Von einer strengen Fastenzeit hielten sie nichts; zwei Heringe und ein Kanten Brot am Tag waren ihnen entschieden zu wenig, dafür hätten die in Köln Verständnis haben müssen, denn wer auf der faulen Haut liegt, vernimmt das Knurren eines leeren Magens am deutlichsten. Fuhrleute, die den Proviant heranführen sollten, machten sozusagen Dienst nach Vorschrift; sie spannten höchstens zwei Pferde am Tage an, weil ihnen der Lohn zu gering schien und sie genau wußten, daß andere Leihpferde mit Knechten zur Zeit nicht aufzutreiben waren. Ihr Verhalten erschien den Befehlshabern deshalb besonders bedenklich, weil die Bespannung im Ernstfall auch zur Fortbewegung der schweren Geschütze benötigt wurde. Ärger hatte man auch mit der Bewaffnung; so konnte es nicht ausbleiben, daß beim nächsten Angriff, den die Burgunder mit drei Kriegsschiffen unter dem deckenden Feuer ihrer Artillerie gegen die Stellungen auf den Steinen unternahmen, an die 300 Mann türmten. Der Rest vermochte zwar den Feind abzuwehren, aber die Stimmung wurde dadurch nicht besser, zumal die Feinde jetzt auch zur psychologischen Kriegsführung griffen und sich einen Spaß daraus machten, die auf den Steinen mit schlechten Nachrichten zu foppen, so nach den Kämpfen in Neuss am 8. April, nach denen sie Boten über das Wasser schickten und ausrufen und sogar durch Schwur bekräftigen ließen, sie hätten eine Menge Neusser gefangengenommen und ihrer viele Hundert erschlagen. Bürgermeister Goswin von Straelen, der mit der undankbaren Aufgabe betraut war, den Kölner Haufen zusammenzuhalten, bat dringend die Stadtväter daheim um genauere Nachrichten, damit er den Seinen Bescheid geben könne und ,,umb den loegener den mont zu stoppen, de van eynen gevangen off doeden 10 machen".
Es wurde höchste Zeit, daß die kleine, vom Reichsheer abgestellte Abteilung Verstärkung erhielt, aber statt eines einheitlichen Kontingents unter einheitlicher Führung rückten vorerst nach und nach Fähnlein zahlreicher Reichsstädte ein, Bürger und Söldner aus der Schweiz, aus Augsburg, Nürnberg, Frankfurt,
ULM, Reutlingen, ferner aus Konstanz, Basel, Straßburg, Überlingen, Lindau, Ravensberg, Wangen und Rottweil. Den Kern bildeten schließlich Truppen des Herzogs Albrecht von Sachsen sowie der Reichsstädte Straßburg und Augsburg mit insgesamt 2.000 Mann zu Pferd und zu Fuß, "freudigste und bestgerüstete" Leute, die ,,zuvor auch beieinandergelegen und dem Kaiser vor Sinzig Ehr eingelegt hatten". Der Augsburger Chronist, der solches ausführlich berichtet, mußte es ja wissen. Wie er schreibt, hat die Majestät persönlich die Mannschaften verabschiedet: ,,Denen hat der Kaiser selbst zugeredt", berichtet er stolz, "und gesagt, liebe Söhne, dieweil ihr euch zuvor in Unseren und des Reichs Diensten so männlich und keck gehalten, wollen Wir euch auf diesmal auch eine Ehre anlegen und euch einen festen Ort, am Rhein gelegen, der Stein genannt, anvertrauen. . ." Kaiser Friedrich forderte die Truppe auf, sich ritterlich zu halten, das Lob zu mehren, den Hauptleuten gehorsam zu sein, und versicherte sie - "so Uns Gott in diesem Kriege zu einem guten Ende helfen wird" - seiner kaiserlichen Huld. Unser Chronist sonnt sich noch nach Jahrzehnten in dieser Gnade und schwärmt: "Welches alle Hauptleut, Reisige und Fußknecht bereitwillig angenommen, und sie haben dem Kaiser zugeschrieen, daß sie bei Ihrer Kaiserlichen Majestät ihr Leib, Gut und Blut lassen, und das Lager (die Stellung auf den Steinen) als ihren Kirchhof nicht verlassen wollten, so ihnen Gott helfe. Dazu hat der Kaiser den Markgrafen (Albrecht von Brandenburg, der die Aufstellung der Truppe vorgeschlagen hatte) lachend angesehen und gesagt, seht, durch Gottes Hilf wohl haben wir so tüchtige, zuverlässige Söhne. . ." Der Kaiser gab den Mannschaften kriegserfahrene Ritter zu Hauptleuten: den Sachsen Graf Ludwig von Eberstein, denen von Straßburg Ritter Erasmus von Mülheim, denen von Augsburg Ritter Jakob von Simatingen, und unterstellte sie insgesamt Graf Heinrich zu Schwarzenburg in Sachsen als Generalhauptmann. Dann sind sie, wohlversorgt mit Proviant, Artillerie und Munition, nächtlicherweile zu Schiff nach den Steinen gefahren, wo sie ,,denen von Neuss zu einem Trost, aber dem Herzogen von Burgund zu einem Trutz vor der Nasen gelegen. . ."
Der in der Erinnerung verklärte Schein dieses Stimmungsbildes kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Geschehnisse nicht so reibungslos über ,die Bühne gingen, wie man meinen sollte. Es kam zu Reibereien zwischen den Fähnlein der Städte, zwischen Bürgern und Söldnern. Die Hauptleute mehrerer städtischer Fähnlein hatten sich, als der Markgraf von Brandenburg im Kriegsrat seine Dispositionen treffen wollte, Bedenkzeit ausgebeten und nachher erklärt, wenn der Kaiser mit ins Feld ziehe, würden sie ihm ohne weiteres folgen, sie sähen sich aber nicht verpflichtet, den Kölnern, das hieß, dem Erzstift, Städte und Schlösser zu behüten. So blieb es zunächst wieder bei halben Maßnahmen, die aber auch darin begründet waren, daß noch ausstehende Truppen mit Verzögerung eintrafen, daß das Geld für den notwendigen Sold nicht in ,dem erforderlichen Umfange und zum rechten Zeitpunkt bereit lag, und daß die Verproviantierung, nicht allein wegen der Teuerung, auf Schwierigkeiten stieß. Schließlich währte der Krieg nun schon an die neun Monate, und Freund und Feind hatten alles getan, um die aus dem Umland aufzubringenden Mengen an Vieh und Getreide und anderen Lebensmitteln für sich in Anspruch zu nehmen. Überall im Kölner Land, berichten Zeitgenossen, sind die Dörfer verwüstet, Weinberge und Acker liegen zumeist unbestellt, weit und breit sind die Weinstöcke ausgerissen und als Brennholz verwendet worden, ebenso die Zäune und Einfriedigungen der Dörfer. Abgaben werden keine gezahlt, überall herrscht Angst und Schrecken, die Bauern sind ermordet oder verjagt, und ihre Söhne lernen nur noch Soldat spielen, Beutemachen und ihren Sold beim Würfelspiel verjubeln. Zwischen Rheinberg und Neuss, klagt ein anderer, und im ganzen Jülicher Land könnt ihr nicht ein Haus finden, das nicht zerstört oder mitsamt Türen, Fenstern, Angeln und Riegeln ausgeplündert ist. Auf den Steinen kam es schon nach wenigen Tagen zum Streit unter den städtischen Söldnern; oberländische Söldner, die sich mit den Augsburgern in die Haare gerieten, sollen sogar zum Feinde übergelaufen sein. Prügeleien arteten bis zum Totschlag aus, andere schürten Mißmut und Unzufriedenheit, und wenn sie an ihren Eid gemahnt wurden, versuchten sie sich damit herauszureden, den Punkt hätten sie seinerzeit nicht richtig verstanden.
Andere schlugen sich in die Büsche, und wieder andere, solche aus dem kaiserlichen Kontingent, entsannen sich dessen, daß sie eigentlich zum Kriegführen und natürlich auch zum Beutemachen in Sold gegangen waren. Sie setzten auf eigene Faust zu den Burgundern über ,,up aventiure", aus dem nur drei Mann zurückkehrten; die aufgebrachten Schweizer und Augsburger konnten nur mit Mühe davon abgehalten werden, drei oder vier burgundische Gefangene aus dem Gefängnis herauszuholen und an den nächsten Baum zu knüpfen. Leute aus eidgenössischen und oberländischen Städten verloren die Lust und rückten ab nach Köln; es blieb nicht bei einem ,,uplouff", zumal es sich rundgesprochen hatte, daß die Städte Köln und Aachen ihren Leuten eincn viel höheren Sold zahlten.

Am 5. April gab Markgraf Albrecht von Brandenburg, der auf eine Entscheidung hindrängte und auch vor dem Kaiser mit seiner Kritik nicht hinter dem Berge hielt, den Hauptleuten bekannt, daß man in zehn Tagen mit dem Aufbruch des Reichsheeres rechnen könne. Nicht nur die Söldner, auch Albrecht und viele Anführer waren das untätige Liegen im Felde und das Warten auf das Wort des Kaisers leid, der zur Zeit noch mit dem Herzog von Jülich-Berg verhandelte, wobei ihm allerdings zugute gehalten werden muß, daß die Fürsten eine Entscheidung über die Anklage wegen Hochverrats und Ungehorsams nicht übereilt getroffen wissen wollten. Sogar dem stadtkölnischen Kommandanten auf Schloß Hülchrath, Johann von Elsig, platzte der Kragen sozusagen, als die Kölner Ratsherren von ihm Rechenschaft über die Verwendung von Proviant und Geldmittel verlangten. Er schickte die Abrechnung, machte ihnen aber deutlich, daß er inzwischen schon Geld aus der eigenen Tasche habe zulegen müssen, das er keinesfalls entbehren könne. Man solle ihn unverzüglich mit neuem Geld und weiterem Kriegsmaterial versehen, und im übrigen solle man sich in Köln nicht mit Mutmaßungen über die Stärke des burgundischen Heeres, mit der Welschen ,,kloecken anslegen, myt loegen zale ind erdachten geruchte ind sagemeren" aufhalten. Statt dessen solle man ihm - es verdroß ihn sehr, daß das bis jetzt noch nicht geschehen war - genügend Kriegsvolk schicken, damit er die von 300 - 400 Reitern geschützten Proviantzüge der Burgunder unterbinden könne. Dann würde des Herzogs Volk ,,schell ind bloede", aufsässig und schlapp, und das zum großen Trost der Neusser.

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Anmerkung:

Die oft kritisierte ,,bewundernswerte Langsamigkeit'' des Reichszuges lag nicht allein im politisch - diplomatischen Bereich oder im taktischen Verhalten des Kaisers begründet, der sehr wohl seine Gründe hatte, - sie hatte noch mancherlei andere ganz reale Ursachen, Ursachen verfassungsrechtlicher, wehrstruktureller und nicht zuletzt wirtschaftlicher Art; dann lagen die Gründe auch in den beschränkten Möglichkeiten, einem solchen Unternehmen die erforderliche Publizität zu verschaffen, Sinn und Zweck dieses ungewöhnlichen Reichszuges zu verbreiten und in das Bewußtsein der Zeitgenossen zu bringen, denen Böhmen und Türken vielleicht etwas bedeuteten, kaum aber die ferne, vom Herzog von Burgund belagerte Stadt am Rhein, die dem Vernehmen nach zunächst einmal Streit mit ihrem eigenen erzbischöflichen Landesherrn gehabt hatte.
Wenn auch viele weltliche und geistliche Herren, Fürsten und Städte zwischen Lübeck und Luzern, zwischen Brandenburg und dem Elsaß, zwischen Erfurt und Aachen dem Ruf und den wiederholten Befehlen des Kaisers folgten und ein stattliches Heerlager zusammenbrachten, befleißigten sich andere weder der gewünschten Eile noch waren sie geneigt, die veranschlagte Truppenstärke zu stellen. Andere hinwiederum meinten, ihre militärische Präsenz sei im eigenen Lande notwendiger, oder, bei Linz hatten sie ihre Schuldigkeit getan, und für den Rest fühlten sie sich nicht mehr zuständig. Nicht jeder mochte sich in seinen Interessen unmittelbar bedroht sehen, und nicht jedem mochten Sinn und Zweck des Reichszuges an den Rhein geläufig sein oder im vollen Ernst vor Augen stehen. Was an Nachrichten bekannt wurde - man lese nur Johannes Knebels oder Conradus Stolles Notizen - war oft von Gerüchten, Phantasien oder Übertreibungen durchsetzt oder entstellt; Neuss war schon mal erobert oder Karl der Kühne bereits abgezogen. Nachrichtenverbindungen benötigten oft Wochen, wie konnte es da zu einer schnellen Reaktion kommen, die ihrerseits vielfach wieder von Entscheidungen oder Beratungen in irgendwelchen Gremien, wie Ratsversamnilungen, abhing, wo man sich die Sache nicht leicht zu machen pflegte, da es zunächst ja auch um das liebe Geld ging. Und wer Söldner anstatt der eigenen Bürger - es war ja die Zeit des Übergangs vom Bürger - zum Söldnerheer - oder noch zusätzlich ins Feld stellen mußte, durfte sich nicht knauserig zeigen. Wer mit der langen Dauer des Unternehmens nicht gerechnet hatte, mußte verpflichtete Scharen nach ihrer Zeit heimziehen lassen oder, natürlich zu einem höheren Sold, neu verpflichten oder Ersatz beschaffen. Für die Söldner gab es nichts Schlimmeres, als untätig im Felde zu liegen, zumal dann, wenn man ihnen einen schnellen und erfolgreichen Feldzug in Aussicht gestellt hatte. Wer sich anwerben ließ, richtete sich schließlich aufs Dreinschlagen ein und aufs Beute-machen, erwartete ausreichende Verpflegung und pünktliche Soldzahlung. Wo eines ausblieb oder die Frist überschritten war, sah der Söldner sich um den Vertrag geprellt und er fühlte sich ohne weiteres berechtigt, von der Fahne zu gehen, sich nach einer anderen oder nach gar keiner mehr umzusehen. Sicherlich, es gab auch solche, die meuterten, die sich eigenmächtig und einseitig aus Pflicht und Vertrag entfernten und das Weite suchten. Wurden sie erwischt, hatten sie harte Strafen zu vergegenwärtigen. Unsichere Kantonisten waren in allen Lagern zu finden, auch das Heer Karls des Kühnen war davon nicht ausgenommen. Daß es zum Beispiel nicht nur kölnischen Söldnern, welche die Stadt bis weit in den Süden Deutschlands hatte anwerben lassen, sondern auch kölnischen Zunftgenossen an den heimischen Penaten besser gefiel als an der windigen Ecke auf den Steinen, haben wir schon gehört. Die Stadt versuchte, sie mit guten Worten, Versprechungen oder mit Drohungen zur Fahne und auf ihre Posten zurückzubringen oder bei der Stange zu halten. Denen, die treu dabei blieben und noch nicht im Besitz des großen Bürgerrechtes waren, sollte das Recht ohne Einschränkung zuerkannt werden, ihre ungehorsamen und widerspenstigen Streiter dagegen bedrohte die Stadt mit wochenlanger Turmhaft bei Wasser und Brot, mit der Beschlagnahme des Vermögens, und mit der Entziehung der bürgerlichen Ehrenrechte oder der Gewerbeerlaubnis. Es bedrückte den hohen Rat daheim gar sehr, daß selbst Leute aus angesehenen Familien als Drückeberger den Mannschaften ein schlechtes Beispiel gaben.

Aus den zahlreichen Berichten über das Zustandekommen des Reichszuges, auf den man in keiner Weise gerichtet war, geht unschwer hervor, daß auch die Rüstungen und die Versorgung mit dem notwendigen Kriegs - und Transportmaterial auf erhebliche Schwierigkeiten stießen, angefangen bei der Beschaffung des Pulvers bis hinunter zur Lieferung von Wagenketten oder Schaufeln bei den Untertanen kleiner Territorien; sebst Albrecht von Brandenburg fand die vom Kaiser gestellte Frist zu kurz. Die Aufbringung der Geldmittel ging nicht ohne rigorose Maßnahmen vonstatten. Hunderte von Schiffen und Flößen mußten gestellt und unzählige Troßwagen und sonstige Fahrzeuge - es mögen an die 800 bis 1.000 gewesen sein - beschafft und bespannt werden. Angesichts der vielen Unklarheiten und des Durcheinanders bei der Zusammenstellung und Abfertigung von Versorgungstransporten äußerte der Brandenburger: Wir haben närrischer Ding all unser Lebtag nie gesehen . . ., und einer von seinen Hauptleuten, der in Koblenz, im befreundeten Kurtrier, lag, beschwerte sich: Das Lagern sei hier schwer, Fütterung aus dem Lande sei nicht erlaubt, alles müßten sie kaufen, bar und teuer bezahlen, jedermann sei dort unwillig, wolle aber ,,der Kirchweih genießen", so lange das Kriegsvolk im Lande liege. . .

Die Verpflegung des nach und nach auf rund 20.000 und mehr Mann anwachsenden Reichsheeres, dessen Aufstellung und dessen Unterhalt in den letzten Wochen in den ausgelaugten Landen am Rhein, wo die Vorräte bald aufgezehrt waren, sich länger als erwartet hinzogen, erforderte nicht minder große Aufwendungen und Anstrengungen, einbegriffen Verhandlungen über die zollfreie Passage von Versorgungstransporten durch neutrale Gebiete. Die Belastungen so niedrig wie möglich zu halten, war eine der Hauptsorgen des Reichsfeldherrn Albrecht von Brandenburg. Mehr als einmal rechnete er dem Kaiser die Kosten vor und mehr als einmal hielt er ihm angesichts des ungewissen Termins des Reichszuges vor, daß man möglichst bald sich darüber klar werden solle, wie groß das Kriegsvolk sein müsse und wann man seiner bedürfe. Man solle keine Truppe unnötig aufbieten, denn ,,es kost groß leut, gelt und gut". Albrecht erbat vom Kaiser die Anordnung, daß der gemeine Mann für seinen ,,Pfennig", für sein Geld überall die gleiche ,,Futtrung" erhalte, denn, sagt er, ,,es ist nit allen das gelt gleich und wol geraten . . .", angesichts der territorial bedingten Sortenvielfalt bei den Münzen kein überflüssiges Ansinnen. Und als Albrecht von Brandenburg eines Tages den Kaiser um ein neues Marschziel bitten muß, sagt er ihm geradeheraus, daß er nicht gerne umziehe, denn es sei nicht gut, mit 4.000 Mann in Frankfurt bei den Wirten im Quartier zu liegen. Als sie am Rhein stehen, kritisiert Albrecht, daß gegen das Städtchen Linz nicht schärfer vorgegangen und der Rhein als Versorgungsweg nicht freigekämpft werde. Das hungrige Land werde die Reichstruppen - er spricht von 60.000 Mann - nicht lange ernähren können, zumal auch der Feind noch an die 40.000 Mann hier stehen habe. Würde der Rhein nicht frei, müsse man die Truppen wieder abziehen, ganz abgesehen davon, daß für die 60.000 Mann täglich an die 10.000 Gulden aufgebracht werden müßten. Und noch einmal mahnt der Brandenburger den Kaiser: Gehe der Reichszug nicht voran, müsse man die Mannschaften entlassen und zur gegebenen Zeit wieder neu aufbieten; wo man vor dem Winter stehe, würden viele Pferde und Leute nach Hause geschickt, damit sie nicht untätig und mit großen Kosten im Felde lägen. Seine eigenen Truppen, meinte Albrecht, müßten bis Martini wieder daheim sein, denn dann ,,ligt snee, das man im veld nymmer gebrauchen kan . . ."

Nicht leichter wogen die Nachteile der militärischen Führung, der letztlich jeder Stadthauptmann in die Parade fahren konnte. Und was bei den ,,aus aller Herren Ländern" zusammengebrachten Scharen und Landsmannschaften -auch nicht verwunderlich war: zwischen einzelnen Kontingenten entstanden alle möglichen Mißhelligkeiten, die bis zu bewaffneten und folgenschweren Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen ausarteten und oft nur mit großer Mühe geschlichtet werden konnten.
So kam es - um nur einen Fall herauszugreifen - am 17. April im Lager auf den Steinen zu einem aufregenden Zwischenfall, der sich leicht verhängnisvoll hätte auswirken können. Nach dem ausführlichen Bericht, den die kölnischen Befehlshaber auf den Steinen an ihren Rat abgeben ließen, hatten sich etliche Augsburger, die erst jüngst dorthin verlegt worden waren, an kölnische Büchsenmeister herangemacht und ,,haven myt yn gesenck angehaven", ein Gezänk, Streit angefangen. Daraus entstand ,,eyn slacht ind groiss uplouff", und bei dieser ,,Schlacht" blieb ein Augsburger tot auf dem Platze. Der Vorfall erschien den Kölnern mit Recht um so schwerwiegender, als es sich bei ihren Büchsenmeistern, die nach dieser Meldung die Angegriffenen waren, sich aber wohl zu wehren gewußt hatten, ausgerechnet um jene Geschützführer handelte, die eben damit bcschäftigt waren, die Geschütze zu richten, mit denen versucht werden sollte, Briefe nach Neuss hinüberzuschießen.
Die kölnischen Anführer, unter ihnen Bürgermeister Goswin von Stralen betonen denn auch, daß sie sich die erdenklichste Mühe gegeben und alle Überredungskünste aufgeboten hätten, um den entstehenden Aufruhr zu dämpfen und die Leute zu beschwichtigen. Wären doch die Augsburger ,,myt yren zohelderen", mit denen, die zu ihnen hielten, drauf und dran gewesen, die Stellung der Büchsenmeister zu umzingeln und sie alle miteinander umzubringen, die Stellung, sagt der Bericht, in denen sie mit ihren stärksten und besten Geschützen lagen, mit denen auch den Neussern am besten Trost und Hilfe zukommen kann. Aber jetzt war es, infolge des Zwischenfalls, noch nicht möglich, die Kanonen in die richtige Stellung zu bringen. Der Bürgermeister mußte sich dafür verbürgen, daß diejenigen, ,,die des doitz hantdedich geweist weren", zur Rechenschaft gezogen würden, aber der Fall scheint in den nachfolgenden Ereignissen untergegangen zu sein. Geschrieben ist der Bericht über den Streit noch ,,zo myt der nacht", um Mitternacht von Montag, den 17., auf Dienstag, den 18. April; an ebendiesem 17. April war man im Kölner Rathaus damit beschäftigt, den für die Neusser bestimmten Trostbrief, den ersten Kanonenkugelbrief, abzufassen. Die beiderseitigen Boten dürften sich gekreuzt haben. Der Entschluß, auf die neue, ungewöhnliche Art und Weise von den Steinen aus mit den Neussern Verbindung aufzunehmen, ist danach schon einige Tage älter. Die Kölner Anführer auf den Steinen nennen in ihrer Meldung ausdrücklich die Namen der vier betroffenen städtischen Büchsenmeister, es waren Meister Wilhelm Clouch und Arnold Kleiffsadell (d.h. Klebsattel), Meister Johann Paterborn und Everhard Pylsticker. Vielleicht dürfen wir in ihnen nicht nur besonders tüchtige Kanoniere sehen, sondern auch die Erfinder der Kanonenkugelpost vermuten. Wer weiß, wie die Dinge gelaufen wären, wenn die Büchsenmeister nicht mehr in Aktion hätten treten können und bei den fast verzweifelten Neussern jegliche Hoffnung auf den nahenden Entsatz geschwunden wäre.
Einige Tage später zeigten sich die Schattenseiten des Söldnerlebens, von dessen Alltäglichkeiten kaum ein Chronist Notiz nahm, selbst in der Stadt Köln in einer ausgedehnten und blutigen Schlägerei zwischen den Söldnern verschiedener Städte. Anlaß zu dem ,,rumor'' gab ein mit Namen bekannter Baseler Kriegsknecht, der anscheinend beim Spiel, beim Glücks - oder Würfelspiel, mit einem Mitspieler in Streit geraten war und diesen erschlagen hatte; es war an einem Samstagabend, "noch dem nachtymbiss . . ." Sichtlich bedrückt meldete der in Köln weilende Beobachter des Bischofs von Basel seinem Herrn, wie das Ganze angegangen und sich aus einer Prügelei ein regelrechtes Scharmützel entwickelte, bei dem schließlich Hunderte - er sprach von 800 Mann! - von Söldnern mit den Waffen aufeinander losgingen, auf der einen Seite die von Basel und Straßburg, auf der anderen Seite die von
ULM, Nürnberg, Worms und anderen Reichsstädten. Als die Nacht dem Gewühle ein Ende bereitete, zählte man mehr als zwei Dutzend Tote und mehr als 40 Verletzte. Am nächsten Morgen, inzwischen hatten sich die Anstifter aus dem Staube gemacht, wurden die Hauptleute der beteiligten Städte vor den Kaiser zitiert, der ihnen die Kriegsartikel einschärfen ließ: Anstiftung zum "rumor" und der tödliche Gebrauch von Waffen und Messern sollen mit dem Tode bestraft werden, wer einen verwundet, soll die Tat mit dem Verlust einer Hand büßen. Den Fußknechten wird das Waffentragen in der Stadt verboten, sie dürfen auch nicht mehr rottenweise durch die Straßen streichen. Schläger sollen eingesperrt werden, Glücksspiele sind nicht erlaubt. Zur Überwachung der Ordnung mußte die Stadt Köln eine besondere Stadtwache von 400 Mann zur Verfügung halten, die einem kaiserlichen Marschall unterstellt wurde und jeden Krakeeler umgehend zu verhaften hatte. Dem Baseler Übeltäter und seinen Kumpanen wurde angedroht, daß man sie, falls sie erwischt würden, sofort einen Kopf kürzer machen würde. Den anscheinend peinlich berührten Hauptleuten der betroffenen Städte taten ,,die ding, so sich begeben hand, leid", und sie gelobten, sich gegenseitig zu helfen und dafür zu sorgen, daß sich ,,soliche uffrur nit me begebe. . ."

Daß die Baseler und Straßburgcr daraufhin aus der Stadt heraus verlegt und in die gottverlassene Stellung auf den Steinen sozusagen strafversetzt wurden, entsprach zwar bekanntem militärischem Brauch, scheint sich aber nach wenigen Tagen schon als ein Fehlgriff erwiesen zu haben, als ein Großteil der dort stationierten Truppen, auch stadtkölnische, nach Ablösung verlangten, rebellierten, weil Sold und Verpflegung nicht ausreichten, schließlich die Stellung verließen und sich nach Köln oder zum Reichsheer zurückbegaben. Noch eine Seite in diesem kriegerischen Panorama: Die Städte erwarteten, daß ihre Teilnahme am Reichszug oder ihre Leistungen gebührend vermerkt wurden. Die Ehre, des Reiches Renn - oder Sturmfahne führen zu dürfen, wurde abwechselnd den großen Städten aufgetragen, damit sich keine benachteiligt fühlen sollte. Schließlich bildeten sich unter den Fürsten, Heerführern und Städten zwei Parteien, von denen die eine unbedingt die Entscheidung durch die Waffen erzwingen wollte, die andere aber glaubte, eine Wende durch Verhandlungen herbeiführen zu können. Will man Kritik an dem kaiserlichen Heerzug üben, für den es bis dahin kein Vorbild gab, muß man viele Seiten in Betracht ziehen.

Unter all diesen Umständen und Widrigkeiten erschien es schon vielen Zeitgenossen erstaunlich und bemerkenswert, daß trotz allem Kaiser Friedrich III. ein Heerbann folgte, wie er auf dem Boden des Reiches noch nicht gesehen wurde. Das Unternehmen erschien ihnen in der Tat als eine Sache des Reiches, als eine nationale Angelegenheit. Ein Berichterstatter schreibt es als ,,ganz warheit": ,,Kämen der Kaiser und die Kurfürsten, was wir alle von Herzen sehr hoffen, ohne allen Zweifel (würde) alles Volk aus dem Land von Berge und aus Westfalen, was Stab und Stang tragen kann, der kaiserlichen Majestät, den Fürsten und der Stadt Neuss zu Hilf kommen. . ." . Daß der Mann mit seiner Meinung nicht allein stand, zeigt der Brief der brandenburgischen Hauptleute Ewald von Lichtenstein und Sebastian von Wallenrode an ihren Kurfürsten Albrecht: Treffe das Reichsheer bald ein, so erhalte es von mächtigen Herren und Grafen aus den Rheinlanden selbst viel Zuzug, meinten sie, und wenig später glaubte der Kurfürst feststellen zu können: " . . . und all welt wil auf sein wider Burgundi jensseit und hie disseit Reyns, auch fur Newß hinauß. . .".

Noch am 24. April hatte Kaiser Friedrich III. den Trierer Kurfürsten wissen lassen, er wolle sich ,,in diser wochen zu veld slahen". Diese Botschaft konnte in der gespannten Atmosphäre dieser Tage nicht verborgen bleiben, prompt wußte die nächste ,,Parole" ganz genau, daß der Kaiser am 28. April von Köln aufbrechen werde, und überall wurde "uberlut", öffentlich davon gesprochen, daß das kaiserliche Heer bis zum Himmelfahrtstag, bis zum 4. Mai, an die 80.000 Mann stark sein werde. Die Ankunft des von Papst Sixtus IV. entsandten Legaten Alexander Nanni, Bischof von Forli (Friaul), der am 26. April in Köln eintraf und dem Kaiser die Friedensvermittlung des Heiligen Stuhles anbot, war, wie man vermutete, ein triftiger Grund, den Abmarsch des Reichsheeres um einige Tage zu verschieben und zu ,,verzihen bisz in die krutzwoch". Auf die Botschaft des Papstes, der es als sehr betrüblich und schädlich für die Christenheit bezeichnete, daß ,,die beiden gewaltigsten Häupter der Christenheit" miteinander im Kriege lägen, und zum friedlichen Ausgleich riet, entgegnete der Kaiser, daß der Krieg auch ihm zuwider sei, aber hier ginge es um des Reiches Gewalt, Ehre und Freiheit. Er stellte es dem Legaten frei, mit dem Herzog von Burgund zu verhandeln, aber Voraussetzung für ein Einlenken bleibe, daß Karl die Stadt Neuss verlasse, sich auf seinen Grund und Boden zurückziehe und dem Bischof Ruprecht wie dem Pfalzgrafen keine weitere Hilfe angedeihen lasse. So berichtet der Augsburger Chronist; weitere Einzelheiten wurden nicht bekannt. Der Legat ist dann ,,mit dem schnellisten zu schiff den Rein abgefaren" um mit Karl von Burgund in Verbindung zu treten. Das herzogliche Itinerar verzeichnet für die Zeit vom 1. bis 8. Mai im Lager vor Neuss die Anwesenheit der Abgesandten von Rom, Sizilien, Neapel, Aragon, Mailand, Venedig, des Pfalzgrafen bei Rhein und des Königs von England, eine bemerkenswerte diplomatische Geschäftigkeit nach den letzten schweren Kämpfen um die Stadt, die für den Burgunder so verlustreich waren, daß er um einen Tag Waffenruhe bat, um ,die Gefallenen zurückholen und bestatten zu können. So wird es nicht gerade ein Zeichen der Verehrung für den Neusser Stadtpatron gewesen sein, daß er die Neusser am 30. April, am Fest des hl. Quirinus, in Ruhe ließ.

In der Stadt Köln jagte eine Neuigkeit die andere. Karl der Kühne und einige dem abgesetzten Erzbischof treu gebliebene Herren, wie der Clas von Drachenfels, die zwar unbedeutend waren, aber lästig werden konnten, träfen Vorkehrungen, rheinauf und rheinab feste Stützpunkte zu besetzen, den Rhein zu sperren und das Reichsheer von der Zufuhr abzuschneiden Die Burgunder sollten über 600 Schlangenbüchsen an einer Stelle zusammengezogen haben für den Fall, daß das Reichsheer sich dem Lager vor Neuss nähere, und viele Kölner sollten schon insgeheim mit dem Herzog unter einer Decke stecken und ihm mit Lieferungen Vorschub leisten. Andere wollten wissen, daß Karl der Kühne dem Kaiser ein Friedensangebot habe unterbreiten lassen, aber abschlägig beschieden worden sei, er daraufhin den Neussern Rache angedroht und geschworen habe, er werde ihnen Tag und Nacht keine Ruhe mehr lassen. Dann ging das Gerücht, Karl verlade seine Geschütze und wolle abziehen. Drei Überläufer aus seinem Heer meldeten sich in Köln und berichteten dem Kaiser über die Verhältnisse im burgundischen Lager. Man hörte von neuen diplomatischen Vermittlungsversuchen des Königs von Dänemark und des Herzogs von Jülich - Berg, - da war es mit der Geduld des Kurfürsten Albrecht von Brandenburg, der Kölner Ratsherren, rheinischer Fürsten und anderer Gesinnungsfreunde im Kriegsrat zu Ende. Sie verlangten die militärische Entscheidung, der Kaiser gab nach, und der Kriegsrat, besagt eine Meldung aus dem Hauptquartier, hat ,,an sant Walpurgentag (1. Mai) . . gesessen pis auff Mitteracht" und den Aufbruch des Reichsheeres auf den 5. Mai festgesetzt. Trotz dieser Entscheidung zweifelte der Baseler Vertreter immer noch: Nach meinem Dafürhalten, schrieb er nach Hause, wird nicht gefochten, sondern jedermann nur auf Kosten gebracht nach alter Gewohnheit unseres Herrn, des Kaisers. . .

Von den Neussern war man seit Wochen ohne Nachricht. Man wußte, daß ihre Versuche, auf dem Wege über die Kanonenkugelpost zu antworten, bislang mißglückt waren, und nach den letzten kölnischen Briefen vom 2. und 4. Mai hatten die Neusser, wie Bürgermeister Goswin van Straelen und Rentmeister Heinrich Sudermann von den Steinen an den Rat meldeten, auf ihre Frage, ob sie sich noch kurze Zeit halten könnten, das als Bestätigung gewünschte Zeichen nicht gegeben. Und das sah man als ein Zeichen an für ,,yr groiss gedrenge ind noet, dair sy yn synt. . .".
Nachdem die Würfel gefallen waren, rüstete das Heer zum Aufbruch. Im Namen des Kaisers übergab Kurfürst Albrecht von Brandenburg als oberster Feldherr feierlich ,,des Hayligen Reychs Rennfanen" an die Hauptleute der für diese Ehre ausgewählten Freien Reichsstädte in Würdigung ihrer guten und treuen Dienste.

Bild von:  http://www.gewand-manufaktur.de
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Ein um den anderen Tag sollten die Fahne in dieser Reihenfolge führen: Augsburg, Köln, Straßburg, Frankfurt, Nürnberg und  ULM. Als erster übernahm der Altbürgermeister von Augsburg die Fahne mit dem einhäuptigen schwarzen Adler im goldenen Feld. Bei der Symbol - und Rechtskraft der Feldzeichen, Fahnen und Wappen bedeutete die Übergabe des Reichsbanners an die Städte eine außerordentliche Auszeichnung. Nicht einem hohen weltlichen oder geistlichen Fürsten vertraute der Kaiser das Feldzeichen an, sondern dem Bürgermeister einer Stadt: die Reichsstädte sind in eine mitbestimmende und mitentscheidende Stellung und politische Rolle hineingewachsen, haben sich als zuverlässige Stützen des Reiches erwiesen, das auf ihre politische und wirtschaftliche Kraft angewiesen ist. Müßig bleibt die Frage, ob Friedrich III. vielleicht auch hier mit Berechnung gehandelt hat. Andererseits sollte auch er noch erfahren, daß das gesteigerte Selbstbewusstsein der Städte Machtgefühl und Überheblichkeit weckte.

Am Samstag, dem 6. Mai, um 2 Uhr nach Mitternacht, setzten sich die ersten Kolonnen des Reichsheeres in Marsch, die letzten verließen erst gegen 3 Uhr am Nachmittag die Stadt. Der Kaiser begab sich um 10 Uhr ,,zu felde . . . uff eyn klein firteil eyner mylle von Kolln gen Nuisz zu uff den Rein. . ." . Nach den vorliegenden Marschbefehlen, von denen der erste vom 25. April stammte und der letzte am 5. Mai ergangen war, handelte es sich zunächst darum, das gesamte Reichsherr aufmarschieren und die Ausgangsstellung für das weitere Vorrücken auf Neuss einnehmen zu lassen. Im letzten der Befehle, welche die Organisation und die Marschordnung des Heeres, die Ordnung für Wagenburg und Wachdienstvorschriften zum Inhalt hatten, ist die tägliche Marschleistung vorgeschrieben und ausdrücklich festgelegt, daß am Donnerstag, dem 11. Mai das letzte Lager aufgeschlagen werden sollte, nämlich das unterhalb Zons. Das Tempo des Aufmarsches wurde von dem noch zu erwartenden Zuzug bestimmt: Die in Köln liegenden Trierischen Truppen sollten drei Tage später nachkommen, und die auf der anderen Rheinseite gegenüber Zons lagernden Truppen des Bischofs von Münster und zahlreicher mittel - und norddeutscher Städte mußten erst noch über den Rhein gesetzt werden. Der Frankfurter Beobachter schätzte die Stärke der aufmarschierenden Truppen auf 2.300 Reiter und 13.000 Fußsoldaten ,,wohlgerüstete und wohlgeratene, gute Männer". Mit den noch ausstehenden Kontingenten glaubte man auf rund 30.000 Mann zu kommen. Die Überlieferung ist in diesem Punkte sehr unsicher. Der Augsburger Chronist kommt mit noch nicht vollständigen Angaben auf eine Stärke von über 40.000 Mann und spricht von 8.000 Wagen. Nach einem Baseler Bericht soll das Reichsheer einschließlich der Truppen auf den Steinen 6.900 Reiter und 44.400 Fußsoldaten einschließlich Troßleute sowie 9.000 Lastwagen gezählt haben; als erste habe der Kaiser 3.000 Reiter und 18.000 Kriegsknechte und Fuhrleute bei sich gehabt.
Ein solch ungewöhnliches Heeresaufgebot mußte entsprechend ausgerüstet sein und auf dem Marsch und im Lager seine Ordnung haben; darüber gibt es sehr ausführliche ,,Ratschläge", die für 30.000 Mann 1.000 Wagen, 100 Geschütze, 10.0000 Pfeile und 100 Zentner Pulver als Mindestausstattung und eine ausgeklügelte Lager - Hierarchie bis hinunter zum Scharfrichter vorsehen. Daß ebenso 400 Mann als Gräber ,,mit hauen, schaufeln und beyheln, die den Wege machen und raumen, das man durch das holz komm", aufgeführt werden, also Pioniere oder Sappeurs, belegt, daß diese Waffengattung auch keine Erfindung der Neuzeit ist. Schon am ersten Tag gab es Schwierigkeiten von einer Seite, von der die Heerführung sie kaum erwartet haben dürfte, von der Stadt Köln. Der Kaiser zögerte denn auch nicht, ihr am nächsten Morgen, trotz des Sonntags, ein Mahnschreiben zukommen zu lassen. Es war übel vermerkt worden, daß Kölner Hauptleute sich nicht zu ihrer Truppe verfügt hatten, sondern zu Hause geblieben waren. Die Stadt hatte eigenmächtig Geschütze, welche die Städte gestellt hatten, zurückbehalten, außerdem vermißte die Truppe 400 Hakenbüchsen und 100 Wagen, den Fuhrleuten fehlten die Reitsättel, und die Wagenburgmeister sahen sich vergeblich nach ihren Karren mit den Zelten um, so daß sie im freien Feld ,,im Wetter" kampieren mußten. Auch haperte es wieder mit der Verpflegung, und das - und wohl auch der Sonntag - waren sicherlich ein Grund dafür, daß viele Kriegsknechte es vorgezogen hatten, sich wieder ins alte Quartier nach Köln zu verziehen. Andere waren gar nicht erst mit ausgerückt. Auf Befehl des Kaisers mußte die Stadt Köln umgehend ihre Hauptleute und alle Soldaten, welche ,,in heusern und herbergen urlauben", in Marsch setzen, und 40 Geschütze, die Hakenbüchsen und die Wagen mit je zwei Reitsätteln an die Truppe abgeben. Die Bürger wurden aufgefordert, zur Verbesserung der Truppenverpflegung Lebensmittel, insbesondere Fleisch, zum Verkauf anzuliefern. Obendrein mahnte der Kaiser am selben Tag noch bei der Stadt Köln ein weiteres Darlehn von 2.500 Gulden als Beitrag zu den Kriegskosten an.

In der Frühe des 8. Mai brach das Heer auf, um sich auf der Fühlinger Heide zu lagern, damit ,,die andern förderlicher zuziehen" konnten. Hier stießen die Truppen des Bistums Trier zum Heer, und die rechtsrheinisch liegenden Kontingente begannen nun mit dem Übersetzen, das drei Tage in Anspruch nahm, so daß am 10. Mai von Köln noch Schiffe angefordert werden mußten, damit die letzten 800 Mann endlich über den Strom gebracht werden konnten. Mit den münsterischen und anderen westfälischen Kontingenten, so auch der Stadt Dortmund sowie den Truppen der ,,Seestädte" Lübeck, Hamburg und Bremen, dann der Städte Braunschweig, Lüneburg, Hannover, Magdeburg, Goslar, Nordhausen, Erfurt und Mülhausen stand dem Kaiser nun die Masse des Reichsheeres zur Verfügung. Daraufhin ,,hat sich die ganntz Hilff des Reychs vor Cöln neben dem Rein auff ainer grossen Wisen versamlet... vnnd yeder hauff inn ordnung gestellet, welche alle der Kayser vnnd Marckgraf Albrecht von Branndenburg mit fleyß besichtiget" haben. Zuin Abschluß dieser Truppenschau ließ der Kaiser zum Zeichen des Feldzugsbeginns das St. Georgsbanner, das weiße Banner mit dem roten Kreuz, hissen, und jeder Streiter mußte ein weißes Schildchen mit einem roten Kreuz darin als des Kaisers und des Reiches Feldzeichen anlegen, damit der Freund vom Feind zu unterscheiden war.

Zwei Tage lagert das Heer "zu Vülen auff dem Sand", wo noch einige hundert Mann von St. Gallen und Schaffhausen eintreffen. Kaiserliche Briefe vom 10. Mai sind datiert im Heer oder im Feld "bey Zuncz" (Zunns). Am 11. Mai rückt das Reichsheer über Zons hinaus näher auf Neuss zu, und am Abend dieses Tages sollen die Eingeschlossenen die Gewißheit haben, daß sie doch noch nicht verloren sind: Als die Wagenburg unterhalb Zons aufgefahren und gesichert ist, "ist der Kayser mit seinen hauffen fein ordentlich nachainannder darein gezogen vnnd sich ain yeder inn sein station gelegert. Vnnd wie es gar tunckel worden, haben Ir Mayestät zwaytausend kriegsknecht, die ann iren lanngen spießen brinnende schaub stro vber sich getragen, lauffen lassen vnnd domit denen, so inn der Stat Newß gelegen, ain warzaichen, das der Römisch Kayser Friderich mit der hayligen Reychs Hilff sie zu erretten vnnd zu entsetzen, vorhannden sey. Welches die von Newß mit grosen frewden gesehen vnnd vernommen, auch dem Kayser vnnd seinem Hör widerumb mit einem Fewrwerck respondiert vnnd ain Zaichen geben haben...".
Wierstraet bestätigt, daß man von der Stadt aus am Abend die Feuer erblickte; das Reichsheer dürfte auf dem hochgelegenen Felde und auf den Dünen zwischen Stürzelberg und der Kölner Heerstraße beim heutigen Flecken St. Peter gelagert haben.